Eine Tänzerin aus Porzellan und Runen

Eine Tänzerin aus Porzellan und Runen

Mein lieber Laurent,

dies wird für lange Zeit mein letzter Brief an dich sein. Es tut mir leid, dass ich meine Zeilen auf diese Art beginnen muss. Ich habe nicht voraussehen können, dass die Worte einer Sterbenden mich dazu bringen würden, meine Entscheidungen ändern zu wollen. Und dass, obwohl sie nie wirklich lebendig war. So wie ich die Dinge jetzt sehe, gibt es keinen Grund mehr für mich, in Elourine zu bleiben. Das hier ist das Letzte, was ich zu Papier bringen möchte, bevor ich gehe. Denn ich muss dir erzählen, wer sie war und was passiert ist. Und was du mit all dem zu tun hast.

Als wir uns das letzte Mal im Café Asvium getroffen haben, habe ich dir erzählt, mir wäre endlich der größte Durchbruch meines Lebens gelungen. Meine Mutter, die Spieldosenmacherin Valérie Merois, hätte nach all der Zeit die Nachfolgerin bekommen, die sie sich immer gewünscht hatte. Ich hatte eine Dose bauen können mit einer lebensgroßen Tänzerin, die sich zu dem Lied „Liebe sanft und grausam“ im Kreis drehte. Sie war lebensecht und konnte mit demjenigen sprechen, der ihr zuschaute. Natürlich wolltest du mein Meisterstück sehen und ich war gewillt, sie dir zu zeigen. Aber dann habe ich zwei Monate nicht von mir hören lassen. Glaube mir, das hatte seine Gründe.

An Maëlle, wie ich die Porzellantänzerin genannt habe, hatte ich sehr lange gearbeitet. Anfangs ist sie nichts weiter als eine Puppe gewesen. Hübsch anzuschauen, aber kalt und leer. Ihren Körper lebendig zu machen, hat mir alles abverlangt, was ich über Spieldosenfiguren gewusst hatte. Meine Mutter konnte mit einer solchen Leichtigkeit diese hübschen und verteufelt komplizierten Kästchen bauen. Mir ist das nie so leicht gefallen. Sie hat dir mal eine ihrer Spieldosen geschenkt, weißt du noch? In ihr haben zwei Damen beieinandergesessen und Tee getrunken. Es war ein kleines Wunderwerk in deinen Händen. Winzige Figuren, die sich darüber beschweren konnten, dass das Lied ihrer Dose zu laut spielte und sie ihr eigenes Wort kaum verstehen konnten.

Du hast mich mal gefragt, wie man solch wunderbare Dinge erschaffen könnte. Wie man etwas Künstlichem Leben einhaucht. Lass mich dir nun endlich nach fast fünfzehn Jahren eine Antwort geben. Ein Geheimnis ist schließlich nur etwas wert, wenn da jemanden ist, der es bewahrt und weitergeben kann. Und ich selbst eigne mich dafür nicht mehr.

Hat man eine Spieldose zusammengesetzt und geprüft, ob die Musik spielt und sich die Figur korrekt bewegt, wenn man sie aufzieht, folgt die eigentliche Arbeit. Meine Mutter hat immer gesagt, dass das Fertigen dieser besonderen Spieldosen eine Form der Zauberei wäre.

Um die Figur auf einer Spieldose lebendig zu machen, braucht man drei Dinge: kristalliner Paturit; Helgrens Extrakt, gewonnen aus der Schale der Blauwurzel; Blut eines Lebewesens, dessen Eigenschaften man der Puppe geben möchte. Wenn die Spieldose einen Hund zur Musik tanzen lassen soll, braucht man einen Tropfen Hundeblut, damit die Figur sich auch verhält wie ein echter Hund. Das bedeutet, wenn eine Puppe menschlich wirken soll, benutzt man ebenso das Blut eines Menschen. Ein wenig schwarzmagisch mag das Ganze schon anmuten. Aber damit beschwört man keine Dämonen oder verkauft seine Seele. Es kann viel schlimmer ausgehen.

Man muss drei Teile kristallines Paturit zu einem Pulver zerstoßen und es dann mit fünf Teilen Helgrens Extrakt verrühren. Bevor man das Blut hinzugibt, stellt man das Gemisch auf einen alchemischen Ofen, der mit Junn-Runen verstärkt sein muss, damit er auch heiß genug wird. Brodeln Paturit und Extrakt in einem Topf, gibt man das Blut hinzu. Es muss direkt danach eine Reaktion folgen, bei der das Gemisch kurz aufglüht, ehe es eine bläuliche Farbe annimmt. Schau es dabei bloß nicht an, du könntest erblinden! Falls nichts geschieht, war das Mischungsverhältnis nicht exakt und es muss von vorn begonnen werden. Und bei den Preisen für die Zutaten ist das ein Fehler, den du vermeiden willst.

Wie viel Blut in den Topf kommt, hängt ganz von der Figur ab, die man beleben will. Je mehr man davon hineingibt, desto mehr Eigenschaften des Spenders wird die Puppe danach haben. Aber es gibt noch eine andere Konsequenz, vor der ich dich gleich warnen werde. Für Maëlle habe ich einhundertfünfzig Milliliter meines eigenen Blutes verwendet.

Die fertige Runentinte muss, nachdem sie abgekühlt ist, auf die Figur aufgetragen werden. Stell dir vor, man malt mit Farbe ein Gemälde, nur dass die Leinwand ein künstlicher Körper ist, auf den sieben Tias-Runen angebracht werden sollen.

Als Letztes wartet man einen ganzen Tag, bis die Figur lebendig wird.

Auch bei Maëlle hat es so lange gedauert und ich konnte vor lauter Aufregung nur schwer an mich halten. Doch kaum habe ich am nächsten Abend die Werkstatt betreten, hat sie mich mit einem Knicks begrüßt und mich nach meinem Namen gefragt. Sie war so hübsch wie sie sich in dem Seidenrock gedreht hat und so freundlich, wenn sie mit mir gesprochen hat. Maëlle hat in einer Minute so viele Worte gesagt, dass ich ihr kaum folgen konnte. Du kannst dir vermutlich vorstellen, wie unsere erste Unterhaltung abgelaufen ist. Nachdem ich ihr meinen und ihren Namen verraten habe, ist sie erst so richtig in Schwung gekommen. Ich habe mich sehr darüber amüsiert. Sie hat mich zu allen möglichen Dingen ausgefragt, die in der Werkstatt herumstanden. Auch zu dir, mein lieber Laurent. Sie hat dein Porträt zwischen den beiden Glastüren zum Garten gesehen und wollte unbedingt wissen, wie denn der schöne Prinz heiße, der ihr da zulächle. Der Abend ist so schnell vorübergezogen und was mir der folgende Tag bringen würde, hätte ich mir nicht vorstellen können.

Ich habe Maëlle alleingelassen, um mich mit dir im Asvium zu treffen und dir von der Spieldose zu erzählen. Als ich wieder zu Hause angekommen war, bin ich gleich nach oben ins Studierzimmer und habe einen Brief an die königliche Kunstausstellung geschrieben. Die Welt musste meine Spieluhr sofort sehen, so stolz bin ich gewesen. Doch ein Lärm aus der Werkstatt hat mich dabei unterbrochen.

Maëlle hat versucht, sich von dem Rest der Spieldose zu befreien. Sie hat eine meiner Pinzetten in die Mechanik geschoben und konnte sich nicht mehr drehen. Sie ist in Panik verfallen und hat mich angefleht, ich solle ihr helfen. Meine Reparatur hat bis in die Nacht gedauert, erst dann konnte sie sich wieder bewegen. Glücklich war sie darüber jedoch nicht. Maëlle hat mir gestanden, dass sie fürchte, die Spieldose würde sie zerbrechen. Ich habe sie gefragt, was sie damit meinen würde. Da hat sie ihren linken Fuß zu mir gedreht und mir gezeigt, dass die Tias-Rune am Gelenk verschwunden war.

Du musst wissen, dass man sie nicht abwischen kann. Einmal aufgetragen bleibt eine solche Rune für immer. Normalerweise. Zum ersten Mal habe ich nicht gewusst, was ich tun sollte. Ich habe versucht, ihr die Angst zu nehmen, und erst als ich ihr ein Buch vorgelesen habe, hat sie sich beruhigen können. Den Rest der Nacht habe ich recherchiert, warum das mit der Rune geschehen war, doch die Antwort hätte nichts an dem geändert, was folgen sollte.

Erst in der letzten Woche habe ich erfahren, dass es das Blut war. Das Blut in der Runentinte. Es hat sie instabil gemacht, weil es zu viel davon war. Für manche Puppen reicht schon ein einziger Tropfen aus. Bei Maëlle konnten die Runen den Effekt, den sie hervorrufen sollten, nicht halten. Sie war schon zum Sterben verurteilt, als ich den Messbecher in den Topf gekippt hatte. Das ist der Grund, warum diese Prozedur so grauenhaft sein kann. Verwendet man zu viel Blut, macht man damit zwar etwas Lebloses lebendig, doch dieses Leben wünscht man niemandem. Es ist kurz, aussichtslos und traurig. Man schenkt kein Leben. Nur falsche Hoffnungen.

In den nächsten Tagen habe ich jede freie Minute mit Maëlle verbracht und mit ihr gesprochen. Wir haben uns Unmengen der Romane meines Großvaters vorgenommen, in die ich selbst nie hineingesehen habe. Doch dies hat nichts daran ändern können, dass mit jedem Morgen eine weitere Rune verschwunden ist. Und die ganze Zeit über hat Maëlle, die Figur mit dem Gesicht aus Porzellan, mich so traurig angesehen, dass mich dieses Bild bis heute nicht mehr loslässt.

Sie hat mich am dritten Tag gefragt, was es bedeute, wenn man sterben müsse. Ich habe gemeint, sie hätte nichts zu befürchten, weil sie nicht sterben könne. Sie wäre nur eine Kopie dessen gewesen, was wir lebendig nennen. Trösten konnte sie das nicht und ich wünsche mir, ich hätte das nicht zu ihr gesagt.

Maëlle hat immer wieder ein wenig getanzt, aber ihre Bewegungen sind steif geworden wie die einer normalen Puppe. Das habe ich beobachtet, als die ersten vier Runen verschwunden waren. Sie hat mich gebeten, sie von der Dose zu befreien, damit sie den Rest des Hauses sehen könne. Sie wollte in den Garten gehen. Und sie wollte dich kennenlernen, den Prinzen auf dem Bild. Aber das hätte nicht funktioniert, sie hätte sich nicht bewegen können. Und ich allein war nicht stark genug, um sie zu tragen.

Am fünften Tag habe ich in den Tagebüchern meiner Mutter noch immer nichts gefunden. Ich habe die Runen neuaufgetragen, doch das hat nichts gebracht. Die Farbe ist an Maëlles Körper heruntergelaufen wie geschmolzenes Wachs. Ich musste dabei zusehen, wie ihre Hoffnung mit jeder verstreichenden Stunde weiter schwand. Es ist fürchterlich gewesen. Ich habe Maëlle sehr gemocht. Mit ihr ist es nicht so still und einsam in der Werkstatt gewesen. Sie war fröhlich und anmutig und wissbegierig und immer wieder habe ich das Gefühl gehabt, sie wäre ein Mensch wie du und ich.

Am sechsten Tag, dem Tag, an dem sich die vorletzte Rune auf ihrer rechten Schulter aufgelöst hat, hat sich Maëlles Verhalten geändert. Sie hat wieder so energetisch getanzt wie am ersten Tag und noch mehr Fragen gestellt als zuvor. „Gibt es auch gelbe Blumen?“, „Wie fühlt es sich an, wenn man krank ist?“, „Was für eine Spieldose wirst du als Nächstes bauen?“ Diese letzte Frage hat mir das Herz herausgerissen. Wie hätte ich nach alldem noch eine Spieldose bauen wollen? Nein, das konnte und kann ich auch jetzt nicht. Am Abend habe ich Maëlle gefragt, ob sie fürchte, was bald passieren würde.

Und da hat sie zu mir gesagt: „Obwohl du dir etwas anderes gewünscht hast, bin ich nicht mehr als eine Puppe auf einer Spieldose. Ich kann mich tagein, tagaus nur im Kreis drehen und nichts weiter. Ich fürchte nicht, was mit mir passieren wird. Der Tag, an dem das alles aufhört, ist der Tag, an dem ich von der Dose freikomme. Ich hätte niemals wirklich leben können. Aber du, Cyrille, du bist lebendig. Und doch fühlt es sich so an, als wärst du die Puppe auf der Spieldose. Du kannst gehen, wohin du willst, und doch drehst du dich nur im Kreis. Warum nur?“

Maëlle wusste, sie konnte nichts gegen ihr Schicksal tun. Ihren letzten Tag konnte weder sie noch ich verschieben. Und als die Rune auf ihrem Nacken verschwunden war, da hat sie mich zu sich auf die Spieldose gezogen, gelacht und mit mir getanzt. Langsam haben wir uns zu „Liebe sanft und grausam“ gedreht, bis es im Gebälk der Werkstatt verklungen ist.

Ich konnte nicht um sie weinen, aber mich auch nicht für sie freuen. Deshalb konnte ich dir so lange nicht schreiben. Doch nun tue ich es, um dir zu erzählen, dass auch ich mich nicht mehr im Kreis drehen werde.

Wir werden uns womöglich nie wieder sehen. Ich komme nicht mehr ins Asvium, ich werde nicht mehr Spieldosenmacherin sein. Das Erbe meiner Mutter kann ich nicht ausfüllen. Vielleicht werde ich es nie können. Jahrelang habe ich alles versucht, aber die Art ihrer Spieldosen war für mich unerreichbar. Und du, der schöne Prinz, hast es mir immer wieder gesagt. Es tut mir leid, dass ich dafür taub war.

Diesem Brief liegt ein Schlüssel bei. Bestimmt hältst du ihn schon die ganze Zeit lang in der Hand und fragst dich, warum ich ihn dir geschickt habe. Nun, der Schlüssel öffnet dir das Tor zum Merois-Anwesen. Ich will ihn dir schenken. Mach mit dem alten Haus, was du willst. Alles darin und auch das Anwesen selbst gehört nun dir. Ich brauche es nicht mehr. Jedoch muss ich dich um einen Gefallen bitten, der mit dem Haus zu tun hat. Maëlles Spieldose steht noch in der Werkstatt, gemeinsam mit allem, was meine Mutter von ihrer Arbeit hinterlassen hat. Alle Tagebücher. Jedes einzelne Werkzeug. Die unfertigen Spieldosen, die ich nie angerührt habe. Bitte lass die Werkstatt so, wie ich sie zurückgelassen habe, wenn du sie selbst nicht benutzen möchtest. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, Maëlle auseinanderzubauen. Genauso wenig konnte ich die Werkstatt abreißen, nachdem sie gestorben war. Irgendetwas, auch wenn es noch so bedeutungslos für dich erscheint, muss von dem Handwerk meiner Familie übrigbleiben. Ich wünsche mir, dass du der Geheimnishüter der Merois wirst.

Ich weiß, dass ich dir damit eine meiner eigenen Pflichten aufbürde. Das ist auch wahr. Doch du musst wissen, dass ich fürchte, ich könnte das ganze Haus eines Tages niederbrennen, je länger ich dortbleibe. Und das hat der Name Merois nicht verdient. Mein Scheitern ist nicht die Schuld meiner Mutter und doch sammelt sich der Zorn in mir. Das Risiko, dass dieser Zorn nicht irgendwann aus mir herausbricht, ist zu groß. Das ist der zweite Grund, aus dem ich gehen muss.

Ich werde mich aufmachen, um mir einen eigenen Pfad zu suchen. Einen neuen Pfad, der hoffentlich nicht in einem Kreis endet. Vielleicht besteige ich ein Schiff und verlasse Elourine. Ich wollte schon immer den Spalt zwischen den beiden Kontinenten oder die Statue der Ninir von Salaheri sehen. Vielleicht werde ich auch wieder malen. Aber sei versichert, dass mir ein so schönes Porträt wie das deine kein zweites Mal gelingen wird.

Was ich jedoch schon lange weiß, ist, dass ich nicht zurückkehren werde. Ich werde einen Neuanfang wagen, fern von Sprungfedern, Walzen und Schrauben. Denn nur so werde ich niemals herbeisehnen müssen, ohne Runen aufzuwachen.

In Liebe

Cyrille